… von der Ostsee. Ahoi, Kapitän

Juni 22nd, 2010

Håkan sei die schwedische Form des altnordischen Namens Hákon mit der Bedeutung ”Hoher Sohn”, so sagt Wikipedia. Das muss der Grund sein, warum ein gefühltes Viertel der Schweden auf Håkan oder Haakon hört, darunter Fußballspieler, Schriftsteller, Musiker sowie ein Kronprinz.

Auslaufen in Travemünde: Blick von der Peter Pan auf die Trave

So nimmt es auch nicht Wunder, dass der Kapitän der ”Peter Pan”, die zwischen Travemünde und Trelleborg pendelt, ebenfalls zum håkanisierten Teil der Bevölkerung zählt. Der zweite Kapitän an Bord ist allerdings eine Frau.

Bei Bilderbuchwetter legt das Schiff Punkt 10 Uhr in Travemünde ab, und es ist nicht die einzige Großfähre, die sich durch die schmale Hafeneinfahrt vom Skandinavienkai Richtung Ostsee bewegt. Vom Sonnendeck des knapp 30 Meter hohen Schiffs aus erscheint Travemünde noch beschaulicher, als es tatsächlich ist.

Inzwischen haben sich viele Passagiere auf Deck 10 versammelt, die zuvor noch schwedische Köttbullar [ɕœtbɵlːar] und Knäckebrot im Speisesaal probiert haben – natürlich neben dem handelsüblichen Frühstück. Die Fotoapparate zurren und klicken: Yachthafen, Viermastbark, Strandpromenade. Dann das Meer.

Brav und ruhig ist es heute. Mit dem gleichmäßigen Brummen des diesel-elektrischen Antriebs zieht das Schiff eine ganze Weile die mecklenburgische Küste entlang. Aber zurück zu Håkan. Weil man ohne Sonnencreme auf dem Oberdeck schon nach einer halben Stunde krebsrote Haut bekommt, und ein Besuch auf der Brücke nicht nur Schatten sondern auch wertvolle Informationen verspricht, besuchen wir den Mann mit Hausrecht an Bord.

Pssst! Zunächst geht es an den Kabinen des Personals vorbei, und hier könnten einige Schichtdienstler noch schlafen. Dann öffnet sich eine schwere Sicherheitstür, und wir dürfen eintreten in das Reich der Schiffslenker. HighTech, wohin das Auge auch sieht, kontrolliert von einer Handvoll Manpower. Håkan wirkt brückenblass, wenn auch frisch und locker nach bester Schwedenmanier.

Vor allem aber verbreitet er Zuversicht und Glauben in die Technik: “Wir finden selbst bei dichtestem Nebel den Weg.” Die Brücke liegt vor dem Sonnenareal auf Deck 10 und bietet fast einen Rundumblick. Doch die Navigierer können sich blind auf ihr Radar und die elektronische Kartographie verlassen.

“Fast alle gelben Punkte sind Schiffe”, erklärt Håkan mit Blick auf den Kollegen, der konzentriert vorm dunklen Radarschirm hockt und seine nähere Umgebung ignoriert. Draußen taucht die dänische Insel Møn mit ihrer steilen Kreideküste inmitten der tiefblauen Ostseewasser auf und erinnert plastisch daran, dass sie aus sehr altem Muschelkalk besteht. Schlappe 17 Millionen Jahre alt.

Während am Sonnendeck wieder die Fotoapparate gezückt werden, um den strukturierten Streifen am Horizont zu fokussieren, zuckt die Crew nicht mal mit der Wimper. An Møn zieht man schließlich tagtäglich vorbei. Spannender wird es für sie erst wieder bei der Einfahrt ins schwedische Trelleborg, wenn das 190 Meter breite Schiff durch die Fahrrinne zur Anlegestelle gelotst werden muss.

Aber genauso pünktlich wie wir in Travemünde abgelegt haben, ist die Fähre in Trelleborg um 17.15 Uhr bereit zum Entladen. Alles nach Plan also – oder präziser: nach Håkanscher Konzeption.

… aus Schweden. Safari im Schärengarten

Juni 8th, 2010

Lars Nilsson gibt Gas. Wir rauschen mit der schnittigen Ida durch den schwedischen Schärengarten in der Nähe von Västervik. Eingepackt in dicke Rettungswesten, ähnlich den aufgepumpten Männchen eines großen Reifenherstellers. Fahrtwind im Haar, Kamera schussbereit. Es ist die Zeit, nach Robben und Seeadlern Ausschau zu halten.

Steine, groß und glatt wie ein Walrücken

“Bitte geht nicht alle ruckartig auf eine Seite, wenn ihr etwas seht”, mahnt der Mann, der den Schiffskapitän + Safari-Guide in einem gibt. Aber das Ida-Boot wirkt verlässlich. Und Lars kennt die richtigen Stellen, Ziel ist Idöbänkar.

“In dieser Richtung kommt nur noch Russland”, grinst der souverän wirkende Zwei-Meter-Mann. Durch dieses Meer von Gestein und Felsinseln, die während der Eiszeiten geschliffen wurden und stellenweise glatt und glänzend wie ein Walrücken in der Sonne liegen, lenkt er die Ida sicher durch. Man muss an dieser Stelle erwähnen: Die richtige Technik hilft ihm dabei.

Beim ersten Stopp stecken genau drei Robben ihre Köpfe aus dem Wasser und richten ihre dunklen Knopfaugen auf uns. Neugierig! “Letzte Woche waren hier noch 200 Tiere”, meint Lars. Keine Ahnung, in welche Richtung sie sich verzogen haben. “Die hier sind Jungtiere; die Dicken sind weg.”

Inzwischen sind wir umzingelt, vor und hinter dem Boot lugen weitere Köpfe hervor. In gebührenden Abstand, versteht sich. Scheuheit und Neugierde halten sich bei unseren Robben das Gleichgewicht. Doch lebensmüde ist hier keiner. Lars stellt den Motor ab, so dass nur noch das Kreischen der Möwen und das Plätschern des Wassers vor den Bug zu hören ist.

Eine Robbe scheint tief und fest zu schlafen, ihr grau gescheckter, glänzender Körper leuchtet in der Sonne. In aller Gemütlichkeit krönt sie einen kleinen Fels, die Flossen wie in Betstellung über dem Körper gefaltet. Ein Kollege schaut kurz bei Dornröschen vorbei und sagt Bescheid. So etwas wie: Gefahr in Verzug! Ein hörbarer Plums, und das erwachte Tier landet im Wasser.

“100 Kilometer weiter sind mehr Tiere”, meint Lars mit einem Aufblitzen in den Augen. Wir haben den Verdacht, dass der schwedische Humor allzeit wach ist, anders als die Robben auf den Felsen. Aber er muss ja auch keinen Speck für den Winter ansetzen.

Beim zweiten Stopp sind wir schier erstaunt ob der Größe der hiesigen Robbenkolonie. Schätzungsweise an die 15 Tiere flupsen ins Wasser, als sich die Ida mit ihrer Bilder schießenden Fracht nähert. Trotz aller Behutsamkeit des Fahrers flüchten die süßen Säuger ins Wasser und bleiben in sicherer Entfernung. Knopfauge, sei wachsam!

Als hätten unsere Fotoapparate Schaden anrichten können. Lars nimmt nun Kurs auf die Insel Idö, eine der ältesten Leuchtturmstationen Schwedens. Es ist Lunchtime, und Lachs mit typisch schwedischer Rogensoße wartet schon auf uns. Da fällt uns auf: Wir haben zwar jede Menge Vögel, aber leider keine Seeadler zu Gesicht bekommen. Nun, Mittsommer steht vor der Tür. Da müssen wir halt noch einmal zurückkehren nach Idö – natürlich mit der Ida.

… aus Amsterdam. Mit oder ohne Apfelkuchen

März 20th, 2010

Mittagszeit auf der Oostelijke Handelskade, einer im 19. Jahrhundert aufgeschütteten Amsterdamer Insel. Am Ufer des Flusses Ij weht ein frischer Wind, ganz im Gegensatz zu der abgasgeschwängerten Luft der Innenstadt.

Maritimes Leben an den östlichen Docks

Eines der verbliebenen historischen Backsteingebäude beherbergt die coole Restaurantkneipe “De Cantine”. Ringsherum hat die Stadt seit den 70er Jahren das einstige Hafenterrain als Spielwiese für renommierte Architekten auf dem Gebiet des Wohnungsbaus freigegeben.

Im Innern parlieren junge und junggebliebene Amsterdamer an waldgrünen Tischen auf Bänken mit apfelsinenfarbenen Sitzpolstern. EIn bisschen Orange muss einfach sein. Die perfekte Mischung aus Industriecharme und flippigen Details wie der floralen Designerleuchte macht`s.

Hinzu kommt die Freundlichkeit der Kellner sowie “Appeltart met slagroom” auf der Karte! Hausgemacht! Überhaupt entdecke ich langsam meine “niederländischen” Seiten wieder. Erstens bin ich quasi auf dem Fahrrad geboren. Zweitens liebe ich Apfelkuchen. (Wobei erstens und zweitens tauschbar sind.) Drittens fühle ich mich zu gemütlichen Cafés stark hingezogen. Viertens liebe ich das flache Land mit einem schönen Himmel.

Fünftens denke ich, dass sich Bänke vor Häusern grundsätzlich sehr gut machen. Sechstens bin ich mehr oder weniger mit Fritten und Frikandel groß geworden. Und damit zurück zu “De Cantine” und ihrem kulinarischen Angebot. Aus zeittaktischen Gründen verzichte ich auf die “Appeltaart met slagroom”, obwohl ich überzeugt bin, dass sie hier gut schmeckt. Nennen wir es Instinkt.

Eine gute Wahl wäre sicher der hauskreierte Burger plus Pommes, doch der Drahtesel soll mich ja nachher noch quer durch die Stadt tragen. Also gibt es heute Foccaccia mit Süßkartoffeln, Mozzarella, Salbei und Tomatenpesto. Lecker. Scheinbar bin ich die einzige Nicht-Holländerin in “De Cantine” und bemüht, meine fehlenden Sprachkenntnisse durch freundliches Lächeln zu kompensieren.

Doch beim Bezahlen fällt`s dann doch auf, denn man redet hier gerne noch ein paar Takte miteinander. So lerne ich – quasi als Zugabe zur Foccaccia – noch drei Worte Niederländisch. Nein, nicht die berühmten drei Worte, sondern einfach: “Fijne dag nog!” Was nichts anderes heißt als “Have a nice day!”, wie mir der Kellner fröhlich einschärft. In diesem Sinne: Einen schönen Tag noch! Und morgen dann auch mit Apfelkuchen, soviel ist sicher.

… aus Äthiopien. Schlaflos in Lalibela

Januar 4th, 2010

Der Bus rattert über die Straßen, dass die Plastikfenster nur so klappern. Glücklicherweise sind wir bis Lalibela im Norden Äthiopiens geflogen, sonst hätte die Reise zum Weltkulturerbe, den elf monolithischen Felsenkirchen, ziemlich lange gedauert.

Kind vor einem Tukul in Lalibela

Samstags strömen schon in den frühen Morgenstunden die Bauern der Umgebung zu dem großen Markt, um ihre Gerste, Tomaten oder einen Esel zu verkaufen. Dafür legen sie zum Teil an die 30 Kilometer zurück. Ohne fahrbaren Untersatz, wohlgemerkt.

Wir steigen aus unserem Bus. Auf dem staubigen roten Boden wimmelt es nur so von Menschen, die sich behelfsweise unter Plastikplanen oder klapprigen Schirmen vor der sengenden Sonne in etwa 2600 Metern Höhe schützen. Wir werden kritisch beäugt, besonders wenn wir wie üblich unsere Fotoapparate zücken.

Ein paar Jungs versuchen mit der üblichen Fußball- oder Buch-Sponsor-Nummer an ein paar Birr zu kommen. Wir zwängen uns durch die Massen, ständigem Hustenreiz wegen des staubigen Untergrunds und der trockenen Luft ausgesetzt und bemüht, in der Hitze nicht umzukippen.

Typische Tukulbauten, die hier zweistöckigen Rundhütten der Einheimischen, ragen in der Nähe des Felskirchengebiets in die Höhe. Schließlich stehen wir vor dem kreuzförmigen Umriss der Bet Giyorgis, der Georgskirche, die sich aus dem Loch im roten Basaltgrund herauszuformt.

Nezanesh schaut mir über die Schulter, während ich Notizen mache. Sie ist 14 Jahre alt, wurde an einem Feiertag geboren und freut sich, unsere Gruppe bei der Kirchenbesichtigung zu begleiten. Außerdem möchte sie gerne fotografiert werden, ohne Geld dafür zu verlangen. Das Mädchen hätte einfach gerne die Fotos. Wir tun ihr den Gefallen gerne und versprechen, die Fotos per Mail an einen Freund zu schicken.

Ich verlaufe mich auf dem Weg zum Kircheneingang, der immer schmaler wird und sich wie ein Labyrinth verzweigt. Doch eine ältere Äthiopierin hilft mir, die richtige Abbiegung zu finden. Mit Gestik und Mimik fordert sie mich auf, zukünftig auf mich aufzupassen. Strahlend lächelnd.

Viel später noch denke ich an sie, als ich erfolglos versuche einzuschlafen. Schon ab Mitternacht hört man einen orthodoxen Priester beinah wie einen Muezzin singen. Die “Wasema”-Gesänge klingen durch die Nacht, vermischen sich mit ihren Geräuschen, durchdringen die stickige Luft im Hotel.

Schon früh müssen wir aufstehen. Noch bevor das Wasser für eine Stunde angestellt wird, sind wir wieder unterwegs. Durch die Strohdächer der Hütten in vereinzelten Kralen mitten in der Landschaft dampfen Rauchschwaden, die Farbe der Hütten verschmilzt mit dem Untergrund.

Ein abessinischer Hornrabe sitzt imposant am Wegesrand. Ein Stück weiter steht ein einzelner Junge wachend auf dem Hochstand inmitten eines Sorghum-Feld und vertreibt Vögel mit einer Steinschleuder. Bald schon erreichen wir den Flieger, um das schöne Land wieder von oben zu betrachten.

Und doch, trotz des mangelnden Komforts: Auf der Straße ist alles viel intensiver. Zu Fuß dann, vielleicht mit einem Esel. Wir müssen nur mehr Zeit mitbringen. Viel mehr Zeit.

… aus Sansibar. Sprung ins Aquarium

Dezember 15th, 2009

Msha und Omar steuern den Holzkahn mit zusammen gerolltem Segel von Matemwe in nordöstlicher Richtung, so dass sich am Horizont vor uns immer deutlicher die perfekten Konturen der Privatinsel Mnemba abzeichnen.

Aquarium mit Traumfarbe

Simon, der Betagteste aus unserer Schnorchelgruppe, erwähnt wenig beiläufig, dass er dort ein paar Tage mit seiner Frau verbringen wird. Mehr könne er sich nicht leisten. Eine Bemerkung, die automatisch die Frage nach dem Preis aufwirft.

So nennt er mir bereitwillig eine vierstellige Summe für einen All-inclusive Tag auf der Insel mit den perfekten Konturen. Ich gebe zu bedenken, dass es ja nach einigen Tagen auf einer Insel, die zwar perfekt, aber doch recht klein erscheint, möglicherweise etwas eintönig werden könnte.

“Dolfins!”, rufen Msha und Omar plötzlich und deuten voraus. Tatsächlich. Wir freuen uns wie die Schneekönige, oder besser, wie die Prinzessinnen aus 1001 Nacht, schließlich sind wir ja in Sansibar.

Der tropische Delfintrupp bleibt an Ort und Stelle, selbst als das Boot sich nähert, und alle sich mit Schnorchel und Flossen ins türkisblaue Wasser fallen lassen, um mehr oder weniger auf Tuchfühlung mit den intelligenten Tieren zu gehen.

Ich sehe auch einen Mantarochen und ein paar Fische, aber ansonsten ist fischmäßig nicht so viel los an dieser Stelle. Immerhin, die Delfine – das allein grenzt schon an ein Wunder. Eine Mutter mit Kind zog direkt unter mir ihre Kreise.

Der nächste Stopp am Riff macht Vorsichtsmaßnahmen seitens Msha notwenig: “Hier müsst ihr in meiner Nähe bleiben!” Am Riff könnte nämlich der ein oder andere Stonefish lauern, gut getarnt in gleicher Farbe und urigem Outfit. Das Fatale sind seine dorsalen Dornen, die er blitzartig ausfahren kann und deren Gift für Menschen tödlich ist.

Ich sehe sandfarbene Grundeln, die in schnellen Bewegungen direkt über den hellbeigen Boden zu spazieren scheinen und farblich mit ihm verschmelzen. Schillernder sind die bunten Papageifische, einige auf Zickzackkurs, aufgeregt die Seitenflossen wie kleine Flügelchen bewegend.

Beim dritten Schnorchel-Stopp kommen wir verdammt nah an die perfekte Privatinsel heran. Obwohl sich hier alle Schnorchel-Boote zu versammeln scheinen, betritt die Inselwache die türkisblaue Wasserbühne, und es gibt Diskussionen.

Doch wir Schnorchler paddeln selbstvergessen im warmen Aquarium, umgeben von zahlreichen Zebrafischen, die – bereits durch Kekskrümel konditiert – das Boot umzingeln. Auch Barsche tummeln sich im Mnemba-Atoll, und ich denke an den ersten Abend auf Sansibar und einen fantastischen Grey Snapper vom Grill.

Zurück auf dem Boot wäscht uns ein tropischer Regenguss das Salz von der Haut. Msha und Omar zaubern Tee, Kaffee, Kekse, frische Mangos und Bananen aus der Kiste. Und später an Land erfahren wir dann, dass erst kürzlich ein Walhai von nicht unbedeutender Größe vor dem Riff gesichtet wurde. Gut, dass wir das nicht vorher gewusst haben!

… aus Madeira. Am besten schwindelfrei

Oktober 15th, 2009

Die Treppe geht steil hinauf, und wir keuchen, als wir oben ankommen. Unsere Levada-Wanderung beginnt in Marroços und wird uns in weitem Bogen um den kleinen Ort Machico führen. Sechs Kilometer liegen vor uns. Der Weg neben der Wasserrinne ist anfangs noch breit.

Kulturlandschaft

Natürlich erklärt Wanderführerin Sandra erst einmal das System der Levadas, der traditonellen Bewässerungskanäle dieser dramatisch schönen Landschaft, die steil und darum landwirtschaftlich schwer nutzbar ist. Mit schmalen Terrassen haben die Bewohner sie bezwungen. Dass das Leben der Bauern hier oben kein leichtes ist, ahnen wir schon.

Sandra kennt jeden Stein, jeden Baum, jede Blume – und davon gibt es unzählige auf Madeira. So wird unsere Wanderung allmählich zu einem Lehrgang in Sachen Botanik. Hier ein Christstern, dort eine afrikanische Liebesblume. Lorbeerbäume, Eukalyptus, Grün in allen Schattierungen. Ach, Madeira, du bist so schön.

Vor allem aber scheint Sandra jeden Einwohner der Gegend zu kennen. Während wir an Feldern mit verschiedenen Arten von Süßkartoffeln, Kohl und natürlich Bananenstauden vorbeiziehen, wechselt unser Guide immer wieder ein paar Worte mit den arbeitenden Menschen.

“Hier habe ich euch zwei kräftige Männer zum Helfen mitgebracht”, ruft sie einem Ehepaar zu, das im Gemüsebeet herumwuselt. Man scherzt, lacht und zieht weiter. Einmal auf dem Pfad, der parallel zum Wasserkanal verläuft, müssen wir keine Höhenunterschiede mehr überwinden.

Mithilfe des Kanalsystems kommt das Grund- und Regenwasser aus dem Norden zu den Feldern der Bauern im Süden der Insel – schon seit Jahrhunderten. Damit die Wasserrinnen nicht von Erosionsgestein, Müll oder Blättern verstopft werden, kontrollieren und reinigen die Levaderos sie. Sie öffnen auch die Schleusen, wenn es im Winter mal zuviel Wasser gibt.

“Ein Job, den heute keiner von den Jüngeren mehr machen will”, so Sandra. Nachwuchsmangel allerorten. So sei es ja auch bedauerlich, dass nicht mehr alle Terrassen dieser spektakulären Kulturlandschaft bewirtschaftet werden. In der Tat. Dann gäbe es wohl noch mehr von den leckeren Madeira-Bananen, die zu klein für die EU-Norm sind.

Dafür schmecken sie umso besser, und wir freuen uns über Extra-Power am Wegesrand: Ein Bauer hat eine Kiste mit seinen Früchten ausgelegt, vier Bananen für 50 Cents. Natürlich wollen wir später auch noch picknicken, wie sich das mitten in der Natur so gehört.

Auf Mäuerchen und zwischen Felsgestein lauern immer wieder Eidechsen, die neugierig und scheinbar auch gierig sind. “Viele haben Angst vor ihnen”, meint Sandra, “sogar mein baumgroßer Mann!” Denn wer auf Madeira ein Picknick macht und seinen Rucksack für fünf Minuten aus den Augen lässt, wird sich über den regen Zuspruch seitens der kleinen Reptilien wundern.

Der Pfad ist inzwischen nur noch mannsbreit und immer wieder blicken wir metertief den steilen Abgrund hinab – nichts für an Schwindel Leidende! Sechs Kilometer später haben wir unser Ziel in Nóe erreicht, in der Ferne glitzert das Meer, und die unbewohnten Ilhas Desertas heben sich vom Horizont ab.

Für die nächste Levada-Wanderung – und sie kommt bestimmt – nehme ich mir fest vor, Portugiesisch zu lernen, um wie Sandra mit den sympathischen Menschen der Gegend plaudern zu können. Wenigstens ein paar Sätze!

… aus Curaçao. Robinsonade mit Huhn

Oktober 6th, 2009

Natty sitzt am Steuer und lenkt das Boot, während wir aus dem Villenviertel Spanish Water hinaus aufs offene Meer fahren. Curaçao zeigt sich hier von seiner noblen Seite: Palmen in den Vorgärten, Yachten vor schicken Architekturen. Aber wir suchen etwas anderes.

Insel-Feeling

“Gleich wird es nicht mehr so ruhig sein”, warnt Silvain, der sich mit dem Seegang zwischen der Insel und ihrer Schwester Klein Curaçao bestens auskennt. Schließlich macht er die Tour nicht zum ersten Mal. Und in der Tat, kaum haben wir Spanish Water verlassen, muss Natty das Boot gegen die Wellen ansteuern, die es wie eine Nussschale hoch- und runterheben.

Silvain klärt uns lächelnd auf, während die ersten Ausflügler leichte Übelkeit verspüren. Plastiktüten für Notfälle auf dem Boot hat die Crew natürlich dabei. Auf Klein Curaçao können wir schnorcheln und eventuell Meeresschildkröten sichten sowie Hühnchen vom Barbecue essen. Und bitte nicht vergessen: Die Toiletten immer mit einem Eimer Meerwasser spülen!

25 Kilometer und anderthalb Stunden später: Land in Sicht! Leider springt das Beiboot unserer “Miss Ann” nicht an, eigentlich sollte es uns in die flacheren Gewässern schippern. Aber zum Glück hat auch die “Miss Justine” vor Klein Curaçao geankert, und wir werden nach und nach mit ihrem Beiboot zum Strand gebracht.

Dann ein sportlicher Sprung mit nackten Füßen ins türkisfarbene Wasser und wir sind auf einer unbewohnten Insel gelandet. Nichts als Korallengestein und Sand, dazwischen ein paar Strohschirme und Hütten. Ein heruntergekommener Leuchtturm und ein rostiges Schiffswrack formen die stilechte Kulisse.

Es ist heiß, selbst in der ersten Strandreihe, und alle Schattenplätze sind sofort besetzt. Leguane und kleine Krebse krabbeln über den Boden. Es hat sich unter den tierischen Inselbewohnern scheinbar herum gesprochen, wo und wann es Frühstück gibt.

Und ewig lockt die Karibik: Alle schnorcheln und schwimmen um die Wette, und selbst die Haut der vorgebräuntesten Holländer wird langsam rot. Nach dem Mittagessen ist Nichtstun angesagt, das Meer und die Hitze tragen alle Gedanken fort.

Bob Marley empfängt uns später zurück an Bord der “Miss Ann” mit seinem legendären “Redemption Song”. Silvain hat seine Intellektuellenbrille ausgezogen und lädt uns alle für nächstes Jahr ein: gleiche Zeit, gleicher Ort, doch dann wollen sie die Tour mit Übernachtung anbieten. Schlafen unterm Sternenhimmel, Robinsonade mit Vollverpflegung.

Sollte mich noch einmal jemand fragen, was ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde: ein Sonnenzelt mit 100% UV-Schutz, ein Handtuch und einen Bikini. Den ganzen Rest haben zum Glück Silvain und seine Kollegen im Gepäck.

… aus Apulien. Das Locorotondo-Feeling

September 24th, 2009

Locorotondo ist einer von jenen Orten, in denen man sich mindestens zwei Mal trifft. Einmal in dieser Gasse, einmal auf jener Piazzetta. Innerhalb einer Viertelstunde. Da ist er schon wieder, der japanische Tourist.

Giebeldächer in Locorotondo

Ein schmuckes Dorf, das zu Recht zu den schönsten Italiens, den “Borghi più belli d””Italia” zählt. Weiß getünchte Fassaden, die den warmen Ton der architektonischen Details aus Kalkstein rahmen. Die Strenge der blendend hellend Fronten wird aufgeweicht von verspielten Barock und Rokoko-Formen.

Typisch für den Ort und eher ungewöhnlich für die Gegend sind die “cummerse”, jene spitzen Giebeldächer, die mit Kalksteinplatten gedeckt sind. Wir laufen durch gewundene Gassen, die dem Rhythmus der Hügelkuppe zu folgen scheinen.

Der Ausblick von den kleinen Terrassen am Rand des historischen Kerns zeigt das Itria-Tal in voller Schönheit: rote Erde, Olivenbäume und Weinreben. Denn Locorotondo ist auch ein DOC-Wein, frisch und trocken. Strohgelb bis grünlich in der Farbe. Ein leichter Wein, der einfach zu allem passt.

Den Leuten im Dorf scheint es gutzugehen. Die älteren Damen, “le signore”, sitzen in den Gassen und halten ein Schwätzchen. Alle Häuser sind gepflegt, das helle Steinpflaster glänzt wie frisch poliert, und die Balkone strotzen vor üppiger Blumendekoration.

Ein Caffè auf der Piazza. Das Leben in Locorotono ist ruhig, geordnet. Ein Kleintransporter fährt durch die Porta Napoli in die Altstadt, hält dort für eine Weile und bietet eine übersichtliche Auswahl an Obst und Gemüse feil. Aus der nahen Taverna del Duca dringt das Scheppern von Kochtöpfen auf die Straße, es ist die “ora del pranzo”.

Ab ein Uhr kommen die Gäste zum Mittagessen. Touristen und Leute aus der Gegend. Antonella übernimmt das Regiment am Herd, eine resolute, herzliche und vielfach ausgezeichnete Köchin. Wir vertrauen Gambero Rosso und Slow Food.

Auf kleinem Raum mit einsehbarer Küche brutzelt die temperamentvolle Antonella Hausmannskost für den verwöhnten Gaumen. Reis mit Miesmuscheln und Kartoffeln, Lamm in Gemüse, “Orecchiette al ragù”, also Öhrchennudeln mit Fleischragout.

Ganz zu schweigen von einer Vorspeise, den berühmten “Fave e cicorie”: Saubohnenmus und Endiviengemüse, eine Spezialität der Gegend. Die Köchin mischt beides und krönt es mit einem Spritzer apulischen Olivenöls. Ergebnis: “favoloso”.

Ich werde versuchen, es zu Hause nachzukochen, aber ich weiß jetzt schon: So gut wie in Apulien wird es nie schmecken. Dazu fehlen die brennende Sonne, die jodhaltige Luft, die Gemütlichkeit des Itria-Tals und – last but not least – die Erfahrung von Antonella.

… aus Dänemark. Siesta der Seehunde

Juli 1st, 2009

Die Sonne knallt aufs dänische Wattenmeer. Marco, leicht windzerzaust und sonnenverbrannt, schultert ein Stativ und zieht voran. Barfuß übers Sandwatt der dänischen Insel Fanø. Geschmeidiger Boden, warmes Salzwasser unter den Sohlen – das ist Wellness mitten in der Natur.

Faules Pack: Seehunde auf der Sandbank

“Ich kann euch nichts versprechen, aber in den letzten Jahren waren sie immer da.” Marco redet über die Seehunde und dicken Kegelrobben, die sich eine Sandbank vor Fanø als Residenz erkoren haben.

Mehrere Hundert sind wohl auch heute zu sehen. Der kundige Wattführer zeigt in die Ferne: Wer Adleraugen oder eine gute Brille hat, kann dunkle Punkte auf hellem Grund erkennen. Also laufen wir vom Strand in Höhe des südlichen Örtchens Sønderho etwa drei Kilometer bei Ebbe über den Meeresboden.

Eigentlich haben es Marco ja die Vögel angetan. Der junge Illustrator von naturkundlichen Büchern muss nach der Wattwanderung auch gleich zu einer Vernissage, die unter anderem einige Vogelaquarelle vom ihm zeigt. Im Frühjahr und Herbst ist die Hölle los im Watt, es ist die Zeit der Zugvögel. Aber viele Arten sind auf der Insel auch jetzt zu beobachten, Rotschenkel, Brachvögel, selbst Rohrdommeln und Lachseeschwalben.

Wir erreichen die Wasserrinne, die uns von der Sandbank trennt. Unbeweglich liegen unsere tierischen Freunde auf der anderen Seite in der Sonne. Matte, glänzende, massige, helle, dunkle und marmorierte Körper in Ovalform. “Bis zu 300 Kilogramm können Kegelrobben auf die Waage bringen”, weiß Marco.

Er baut das Stativ auf, damit wir auf Kuschelkurs mit den Tieren gehen können, ohne sie aufzuschrecken. “Ihr glaubt nicht, wie schnell so ein paar hundert Seehunde im Wasser verschwinden können, wenn sie aufgeschreckt werden.” Und das ist tunlichst zu vermeiden, denn zu häufige unfreiwillige Bäder im Sommer, und die Tiere können nicht genug Speck für den Winter ansetzen.

Jetzt kommt eine Kegelrobbe ganz nah heran, zumindest durch die Linse. Nennen wir sie Herrn Nielsson, das könnte passen. Der stämmige Kerl scheint sich keine Sorgen um Paparazzi-Bilder oder -Geschichten zu machen. Gemütlich liegt Herr Nielsson da und blinzelt ab und an in die Sonne. Ein lockerer Kerl, um nicht zu sagen: tiefenentspannt.

“Sie haben sich an die Besucher gewöhnt”, meint Marco. Solange es nicht zu viele werden. Doch zwei, drei Robben sind von der neugierigen Sorte. Sie tauchen ins Wasser, strecken ab und an die Köpfe heraus, nähern sich den Zweibeinern bis auf fünf, sechs Meter. Wenn es ruhig ist, kann man sogar grunzende Geräusche hören – ein gar nicht so schüchternes Kommunikationsangebot.

Ein letzter Blick durchs Fernrohr: Herr Nielsson hat seine Position nicht verändert. Auf diese Weise wird er gut durch den Winter kommen - wie hoffentlich auch die anderen 20.500 Seehunde im Wattenmeer von Dänemark, Deutschland und den Niederlanden. Also dann: Bis zum nächsten Treff, Herr Nielsson!

… von der Ostsee. Verborgene Schätze

Juni 17th, 2009

“Halbinsel?”, brummelt Herr Briesemeister in seinen Bart. “Ummanz ist eine Insel!” Natürlich. Wie konnte das überhaupt einer in Frage stellen! Doch im Gegensatz zur großen Schwester Rügen kennt kaum jemand Ummanz.

Kremserfahrt mit Haflingern

Das Haflingergespann wirkt leicht gereizt, scheinbar will man endlich lospreschen. Also starten Herr Briesemeier und seine Gäste zur Kremserfahrt über die Insel, die immerhin 20 Quadratkilometer misst.

Der Wind rauscht durch die Gräser, knallgelbe Rapsfelder und über Äcker, während das gleichmäßige Taktak der Haflingerhufe zu vernehmen ist. Die Pferde gehören zur Zucht, die Briesemeier seit 1974 betreut – ungeachtet aller politischen Wechselverhältnisse und Eigentümerlagen.

Mutterstuten gewinnt er Milch ab, “doch den Fohlen nehmen wir damit nichts weg!”, versichert der 70-Jährige. Etwa 10 bis 12 Liter pro Tag lassen die Stuten ihn melken. “Dafür braucht man allerdings ein zartes Händchen.” Viel schwieriger als bei Kühen sei das.

Und die Milch? Wird in Flaschen eingefroren und verkauft. Er selber trinkt ab und an davon. Mit dem Ergebnis, dass Briesemeier bis heute nicht eine Tablette nehmen muss. Stutenmilch ist wegen des geringen Fettgehalts recht verträglich und soll das Immunsystem stärken.

Mal abgesehen von der Haflingerzucht und ein paar Bauernhofurlaubs-Offerten scheint Ummanz vor allem sich selbst zu genügen. Am Ufer schimmert das Boddenwasser in der Sonne, zwei Fischerboote schaukeln im Wasser. Ruhe, Vogelschreie, der Wind.

Briesemeier verlässt den Feldweg und lenkt sein Haflinger-Duo auf die wenig befahrene Straße Richtung Waase. Dort wartet ganz unvermutet ein Glanzlicht im Verborgenen. Wir springen von der Kutsche und gehen vorbei an rohrgedeckten Bauernhäusern zur kleinen Kirche des Ortes.

Außen Backstein, innen kostbare Güter. Denn die Chorwand des gotischen Kirchleins wird von den filgranen Figurenszenen eines spätgotischen Antwerpener Schnitzaltars beherrscht. Vergoldetes Eichenholz, intensiver Ausdruck.

Ummanz gehörte zu jener Zeit zur Hansestadt Stralsund. Scheinbar gefiel das gute Stück dort nicht mehr, und man vermachte es den Insulanern. So ein Pech für die Hanseaten! Denn das feingeschnitzte Altarwerk zieht sofort jeden Besucher in seinen Bann. Die Lebhaftigkeit der Darstellung und die Dreidimensionalität der Gruppierungen lassen schon die Renaissance als kommende Kunstepoche erahnen.

Was für ein Glück, dass seit 1901 eine Brücke auf die Insel führt, die dann im Jahre 1953 sogar elektrisches Licht bekommen hat! Aber vielleicht hat gerade die Abgeschiedenheit der Insel zur Bewahrung ihres verborgenen Schatzes beigetragen? Unsere Ummanzer Kunstführerin ist sich da sicher. Sie verabschiedet sich, um den Heimweg anzutreten, denn zu Hause warten Mann und Mittagessen. Bratkartoffeln nach Ummanzer Art.